Kettcar


Portrait: Kettcar

Zu alt, zu uncool - das war die Reaktion der Manager deutscher Majors auf die Hamburger Band Kettcar, als sie lange vor dem derzeitigen Boom deutschsprachiger Bands auf der Suche nach einer Plattenfirma war. Keiner wollte die Gruppe haben, niemand ihr Album finanzieren, obwohl bereits eine beträchtliche Anzahl Fans ungeduldig auf eine Platte ihrer Lieblingsband wartete. Doch mittleres Alter und mittlere Schönheit reichten eben nicht, um die knallharten Industrienormen zu erfüllen. Für die fünf Jungs von Kettcar war das ein Schlag ins Gesicht, aber gleichzeitig auch Ansporn, ihren eigenen Weg zu gehen. Jetzt erst recht.

"... und einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss", singt Marcus Wiebusch auf dem Debütalbum "Du und wieviel von deinen Freunden" und genau das haben Kettcar dann auch getan. Zusammen mit Reimer Bustorff, dem Bassisten und ihrem gemeinsamen Freund Thees Uhlmann von Tomte gründen sie 2002 das Label "Grand Hotel van Cleef", auf dem sie dann kurze Zeit später das erste Kettcar-Album veröffentlichen, das Geld dafür haben sie sich noch von ihren Müttern geliehen. Ganze 30.000 verkaufte Platten später habe sie es allen gezeigt. Kettcar können weitaus mehr als der Durchschnitt und statt mit Majordeal und Werbebudget kommt der Erfolg schließlich durch Ehrlichkeit und Mut.


So sind Kettcar eben und so klingt auch ihre Musik: äußerst uneitel, Äußerlichkeiten spielen keine Rolle. Marcus Wiebusch singt über Verlust und Wut, über Liebe und Frauen, die Stolperfallen unserer Gesellschaft und die ständige Suche nach der eigenen Identität. Im Grunde thematisieren Kettcar die Normalität, den Alltag eines Mittdreißigers in Deutschland, ihr eigenes Leben. In den oft recht grüblerischen Liedern reflektiert, kritisiert und kommentiert Marcus Wiebusch das Allgegenwärtige auf seine ganz persönliche Art, verpackt in virtuose Metaphern: "Wollt’ ich leben und sterben, wie ein Toastbrot im Regen, wie ein betrunkener Hund im Zorn ohne Grund", lauten die sarkastischen ersten Zeilen von "Landungsbrücken raus", dem wohl bekanntesten Stück des ersten Albums. Manchmal steigern sich die kunstfertigen Vergleiche zu abstrusen Satzgebilden, die zumindest auf den ersten Blick keinerlei Bezug mehr zum Thema des Stücks haben. So zum Beispiel wenn am Ende einer Begegnung mit Stockhausen und Bill Gates plötzlich der gebrochene Daumen von Carlos Santana ins Spiel kommt und kurz danach einfach Schluss ist.

Diese besonderen Momente regen zum Nachdenken an, geben den Stücken ihre Tiefe und sorgen dafür, dass die Musik nicht langweilig wird. Kettcar gelingt dabei das Kunststück, ihre subtile Melancholie und die eigentlich recht sperrigen, ungelenken Texte so gut in die Musik einzubetten, dass man davon nicht unbedingt was merkt - wenn man will. Stücke wie "Ausgetrunken" vom Debüt oder "Deiche" vom 2005 erschienenen Nachfolger "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" sind tanzbare Hymnen, echte Rocksongs mit deutlichem Popeinschlag. Meist bildet ein treibender Beat die Grundlage für einfallsreiche Gitarrenriffs und spannungsgeladene Wechsel zwischen lauten und leisen Stellen, zwischen Gesang und Instrumental-Strecken. Auch die Balladen gelingen, "Im Taxi weinen" oder "48 Stunden" singen die Fans auf den Konzerten auswendig mit. Selten rutschen Kettcar ein bisschen in Richtung Gänsehaut-Stadion-Deutschrock, aber man gönnt es ihnen auch irgendwie. Kettcar dürfen das, weil sie einfach nicht so sind wie die, die sonst solche Lieder singen.
Mit dem zweiten Album können sich Kettcar entgültig etablieren, ihrem bisherigen Stil bleiben die Hamburger dabei treu. Sie habe es nicht nötig, irgend einem Trend hinterherzulaufen, denn ihre Musik hat selbst ein Welle losgetreten, auf die andere Bands aufspringen. Die späteren Angebote für einen Plattenvertrag werden trotzig abgelehnt, zu Recht, wie ein fünfter Platz in den deutschen Albumcharts und eine treue, stetig wachsende Fangemeinde beweisen. Mit dem Song "Handyfeuerzeug gratis dazu" bedanken sich Kettcar schließlich zynisch bei den trägen "Öltankern" der Musikindustrie. "Warum Sterne eigentlich verglühen" fragen die sich wahrscheinlich und suchen angestrengt nach dem nächsten Hit. Den fünf Hamburger Jungs kann das egal sein, denn sie sind weder Sternchen noch Sterne. Dennoch leuchten Kettcar strahlend hell und dass vorerst ohne zu verglühen. Um es mit Marcus Wiebuschs Worten zu sagen: "Kettcar gehen zum Lachen in den Keller, als Powerseller."


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